Die menschliche Note im Holzhandwerk

Gastbeitrag von Toshio Odate

Toshio Odate

Während meiner Lehrzeit war die Anfertigung passgenauer und sauberer Verbindungen eine unserer wichtigsten Aufgaben. Um die Ansprüche unserer Meister erfüllen zu können, mußten wir viele Jahre harten Trainings über uns ergehen lassen. Heutzutage können Werkstücke und Möbel mit Hilfe von Maschinen rasch und präzise hergestellt werden, ohne dass dazu handwerkliche Fähigkeiten erforderlich wären. Der Einsatz dieser neuen technischen Möglichkeiten führte zu einem grundlegenden Wandel im Ansehen des Holzhandwerks und zu einer völligen Unterschätzung des Werts und der Fähigkeiten der menschlichen Hand. Die Holzhandwerker unserer Zeit machen sich zu sehr abhängig von Maschinen und Vorrichtungen, die schnell und bequem zu bedienen sind. Diese Abhängigkeit aber führt dazu, dass dem Ergebnis der Arbeit die menschliche Note fehlt.

Betrachtet man Schränke und Möbel vergangener Epochen, so fühlt man ganz deutlich ihre lebendige Ausstrahlung. Ähnliche Möbel, die mit modernen Methoden produziert wurden, wirken dagegen kalt. Es scheint, als seien sie nur gemacht, um einen bestimmten Zweck zu erfüllen. Natürlich arbeiteten auch die Handwerker früherer Zeiten schon zweckorientiert, sie verwendeten jedoch dabei vorwiegend Handwerkzeuge. Woran liegt es also, dass ihre Arbeiten soviel mehr an Ausstrahlung besitzen?

Wenn wir zornig sind, bewegen wir uns anders, als wenn wir glücklich sind. Der Körper überträgt nach außen, was im Herzen und im Geist des Menschen geschieht. Arm, Hand und Werkzeug arbeiten zusammen wie Welle, Spannfutter und Bohrer. Der Arm kann höchst komplizierte Stellungen einnehmen und lässt sich stufenlos regeln. Es gibt keine künstliche Welle, die so perfekt funktioniert wie unser Arm. Auch die Hand kann man als eine Art universelles Spannfutter ansehen, das jederzeit eine perfekte Werkzeughaltung ermöglicht.

Dieses Zusammenwirken von Arm, Hand und Werkzeug könnte man auch als ein eigenständigen Mechanismus betrachten, der durch unsere Fähigkeiten, Erfahrungen und unser Wissen in Gang gehalten wird. Handwerkliches Können entsteht im Herzen und im Geist des Individuums, dort, wo viele Informationen - brauchbare und unbrauchbare - aus der Vergangenheit und Gegenwart ruhen.

Diese Informationen machen das gesamte Wissen und die Erfahrung des Handwerkers aus. Ein guter Handwerker wählt, zum Teil bewusst, zum Teil intuitiv, die jeweils notwendige Information aus. Arm, Hand und Werkzeug übertragen dann nach außen, was im Herzen und im Geist des Handwerkers ruhte. Egal, ob man einen Baumstamm spaltet, oder ein Zapfenloch herstellt, das Zusammenwirken von Information und Energie wird immer variieren und das Ergebnis wird nie exakt dasselbe sein. Ein guter Handwerker jedoch wird bei jeder Arbeit versuchen, das beste Resultat zu erzielen.

Wenn ein erfahrener Handwerker eine Reihe von Zinken ausarbeitet, so sind sie alle leicht unterschiedlich. Aber gerade durch diese minimalen Abweichungen entsteht der Eindruck von Lebendigkeit. Manche nennen es Schwingung, manche sagen, das Möbel besitze eine „handwerkliche Prägung“, ich nenne es die menschliche Note. Das fertige Möbel besteht nicht nur aus Holz, es trägt auch die Empfindsamkeit und das Gefühl des Handwerkers in sich, seinen Stolz, seine Anstrengung, seine Wärme und seine Liebe spiegeln sich darin wider. Auch wenn man es nicht sehen kann, so spürt man doch, wie das Möbel dadurch gewinnt.

Einer der größten japanischen Hobeleisenschmiede, Chiyozuru Nobukuni, löste sich von der Tradition und integrierte Maschinen in seinen Arbeitsprozess. Trotzdem stellte er hervorragende Hobeleisen her. Seine Meinung dazu war: „Heutzutage benutzen viele Handwerker Maschinen, um Werkstücke zu produzieren, aber sie machen es nur, weil es schneller, einfacher und billiger ist, das Ergebnis weist aber keine Qualität auf.” Nobukuni hat viel von seinem Meister gelernt, aber er hat sein Wissen auch durch die Beiträge von Technikern und Akademikern vermehrt. Erst nach einem langjährigen inneren Reifungsprozess konnte er große Maschinen benutzen, als seien sie eine Erweiterung seines Körpers, so als hätte er nur ein kleines Stemmeisen in der Hand.

Ohne die Impulse aus unserem Herzen und unserem Geist, ist eine Maschine zu nichts anderem in der Lage, als Abläufe durchzuführen. An Gegenständen, die so entstanden sind, vermissen wir die menschliche Note. Hat man sich diese Zusammenhänge einmal klargemacht, dann versteht man auch, dass es in der Holzbearbeitung nicht nur um die Herstellung sauberer Holzverbindungen geht, sondern auch darum, immer auf eine Verfeinerung hinzuarbeiten, genauso, wie ein guter Boden zur Verfeinerung der Ernte beiträgt.

Toshio Odate, in Japan ausgebildeter Schiebetürenbauer (tategu-shi), ist Professor am Pratt Institute in Brooklyn, New York und Autor mehrerer Bücher zum Thema Holzhandwerk.


 
(Mit freundlicher Genehmigung der Firma Dick, Feine Werkzeuge.)
 
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